KI in der Strategiearbeit: Hilfe, Hype oder Hebel?
- OKR Institut
- 19. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 4 Tagen
Kaum ein Thema hat strategische Diskussionen zuletzt so geprägt wie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Zwischen Hype und echter Anwendung stellen sich viele Führungskräfte zu Recht die Frage: Wo bringt KI im Unternehmensalltag tatsächlich einen Mehrwert? Und wie viel davon ist realer Fortschritt – wie viel bleibt Wunschdenken?
Wir haben darüber mit Mag. Harald Lex-Huszár gesprochen, Geschäftsführer der KI Momentum Agentur in Wien. Ein Gespräch über Möglichkeiten, Missverständnisse – und warum der Mensch in der Strategie auch künftig unersetzlich bleibt.

OKR-Institut: KI wird derzeit als riesiger Hebel für die Strategiearbeit gefeiert. Ist dieser Effekt aus Ihrer Sicht tatsächlich gegeben?
Harald Lex-Huszár: Defintiv, ja. Wenn ich eine Strategie aufsetze, habe ich als Ausgangsbasis in der Regel viele Informationen, Daten, Hypothesen, Annahmen. Der große Hebel der KI liegt darin, dass ich all diese Informationen heute extrem schnell und datenbasiert analysieren kann. Gerade die Mustererkennung funktioniert innerhalb von Sekunden, das war früher nicht möglich.
Was bedeutet das konkret für Strategieverantwortliche?
Lex-Huszár: Strategiearbeit wird iterativer. Früher war es oft ein jährlicher Fixprozess, heute kann man mit digitalen Mitteln dynamischer reagieren. Ich kann mir etwa in kurzer Zeit tausende externe Marktdaten ansehen, Social-Media-Trends, Mitbewerber-Websites, Marktveränderungen und natürlich auch eigene interne Daten aus der Sales-Abteilung, dem Controlling oder anderen Abteilungen.
Was KI heute kann, ist, diese Datenmengen zusammenzuführen, zu durchdringen und Muster zu erkennen, die sonst vielleicht verborgen geblieben wären. Damit kann ich in weiterer Folge auch mit einfachen KI-Tools Szenarien entwickeln und Simulationen durchspielen. Ich bekomme damit rasch auf Knopfdruck Einblicke, für die früher ein externes Team vermutlich Tage gebraucht hätte.
Heißt das, KI nimmt einem die Strategiearbeit ab?
Lex-Huszár: Nein, das sicher nicht. KI ist ein Assistenzsystem. Sie ersetzt die Strategiearbeit nicht, sondern macht sie datenbasierter. Ich vergleiche es gern mit einem digitalen Mitarbeiterteam, das mir zuarbeitet, mich aber nicht ersetzt. Ich muss als Mensch die Richtung vorgeben und kritisch reflektieren, was die KI liefert.
Strategie ist aber nicht nur Rechenlogik, sondern auch immer im Kontext zu sehen – angefangen von kulturellen und politischen Rahmenbedingungen über gewisse Narrative bis hin zu sozialen Systemen.
Lex-Huszár: Genau das ist der Punkt. Und deshalb lautet meine klare Antwort: Ohne Mensch geht es nicht. KI ist sehr gut darin, Muster zu erkennen und Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, aber sie versteht keinen Kontext im eigentlichen Sinn. Sie hat keine Werte, keine Haltung, keine gesellschaftliche Einbettung. Was sie jedoch kann, ist eine sehr schnelle Wahrscheinlichkeitsrechnung auf Basis der Daten, mit denen sie gefüttert wurde.
Aber Strategiearbeit ist eben mehr als das. Sie ist immer auch ein menschlicher Prozess – mit Widersprüchen, Machtverhältnissen, historisch gewachsenen Mustern. KI kann dafür Impulse liefern, aber nicht entscheiden. Sie kennt keine Verantwortung. Und darum ist es gefährlich, sie als alleinigen Taktgeber strategischer Prozesse zu sehen. Ich empfehle ganz klar: Human in the Loop. Der Mensch muss das letzte Wort haben – und hoffentlich bleibt das auch so.
Wo liegen aktuell die Grenzen von KI in der Strategiearbeit?
Lex-Huszár: Bei der Verlässlichkeit. KI kann auch Unsinn produzieren, besonders dann, wenn sie mit schlechten oder unvollständigen Daten gefüttert wird. Wer gute Ergebnisse will, muss deshalb lernen, die richtigen Prompts zu setzen und dann kritisch prüfen, was zurückkommt. Ohne Handarbeit geht’s also nicht. Man darf nie vergessen: KI basiert auf Wahrscheinlichkeitsberechnung, nicht auf Wahrheit. Sie kann stimmig klingen – und trotzdem völligen Blödsinn erzählen. Genau das nennen wir Halluzinationen. Deshalb braucht es immer den Menschen im Loop, der prüft, interpretiert, bewertet. Auch wenn das Tool sagt: „Das ist so“, kann es schlichtweg falsch sein.
Wenn wir kurz über den Tellerrand der reinen Datenanalyse hinausblicken: Wo sehen Sie weitere sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für KI in der strategischen Arbeit?
Lex-Huszár: Es gibt viele, zum Beispiel die Dokumentation und Strukturierung von Wissen: Wir transkribieren mittlerweile alle internen Meetings. Nicht nur, um Protokolle zu haben, sondern um aus dem Gesagten eine Wissensdatenbank zu generieren. Früher wären viele dieser Inhalte einfach verloren gegangen. Oder nehmen Sie Kommunikation: Ich kann mir E-Mails umformulieren lassen, Zusammenfassungen für Präsentationen erstellen oder Reports analysieren, ohne stundenlang zu lesen. Auch beim Monitoring – etwa von Wettbewerbsdaten, Social Media oder externen Reports – ist KI extrem hilfreich. Sie hilft, den Überblick zu behalten, Muster zu erkennen und schneller strategische Signale zu sehen. Gleichzeitig wird es aber auch zunehmend komplexer: Man muss lernen, die Informationsflut zu strukturieren und die richtigen Fragen zu stellen. Aber, und das ist mir wichtig und deshalb wiederhole ich es noch einmal: All das ersetzt nicht die menschliche Interpretation. Es ergänzt sie.
Welche Erfahrungen machen Sie aktuell mit der KI-Nutzung in österreichischen Unternehmen?
Lex-Huszár: Die Bandbreite ist enorm. Es gibt viele Unternehmen, die noch ganz am Anfang stehen, teilweise auch überfordert sind durch die schiere Zahl an Tools oder aufgrund von Datenschutzbedenken. Und es gibt andere, die schon sehr gezielt KI nutzen. Ein ganz aktuelles Beispiel aus der Praxis: Eine Autowerkstatt, die zwei Mal im Jahr saisonale Höhepunkte hat, nämlich Reifenwechsel im Frühjahr und Herbst. Da rufen plötzlich hunderte Kunden an, um Termine auszumachen. Die Werkstatt arbeitet heute mit einem Voicebot, der übrigens sogar mit Dialekt umgehen kann und auch gebrochenes Deutsch versteht, und der automatisiert Termine vergibt. Und das funktioniert. Kein riesiger Konzern, sondern ein klassischer Mittelständler mit überschaubarer Mitarbeiteranzahl. Genau da beginnt es.
Ein Voicebot für die Terminvergabe klingt schon ziemlich fortgeschritten.
Lex-Huszár: Natürlich, aber das große Missverständnis ist ja, dass viele glauben, man müsse gleich die ganze Organisation umkrempeln. Dabei reichen oft kleine, smarte Schritte. Textzusammenfassungen, E-Mails umformulieren, erste Analysen – das sind einfache Use Cases. Und mit Tools wie Microsoft Copilot, die jetzt direkt in Word und Outlook integriert sind, wird das noch viel zugänglicher. Wichtig ist aber auch: Der Einsatz von KI braucht klare Rahmenbedingungen. Sonst entsteht sehr schnell eine sogenannte „Schatten-KI“ und das kann heikel werden.
Sie erwähnen die „Schatten-KI“ – was passiert, wenn Unternehmen das Thema KI nicht aktiv steuern?
Lex-Huszár: Schatten-KI entsteht immer dann, wenn Unternehmen keine klare Regelung haben. Mitarbeitende nutzen dann privat Tools wie ChatGPT und geben unbewusst sensible Unternehmensdaten ein. Das ist datenschutzrechtlich höchst problematisch. Und es passiert häufiger, als viele denken. Ich kenne Fälle, in denen bereits wegen Datenschutzverstößen im Zusammenhang mit KI abgemahnt wurde. Es reicht, wenn jemand eine Kunden-E-Mail oder ein internes Dokument in ein öffentliches System eingibt. Deshalb: lieber gleich aktiv eine interne Lösung aufsetzen und klare Richtlinien schaffen.
Wie offen sind Unternehmen in Österreich und Deutschland aus Ihrer Sicht generell gegenüber KI?
Lex-Huszár: In vielen Fällen herrscht noch ein starkes Zögern. Es fehlt an Wissen, Zeit oder einfach an Vorstellungskraft. Und natürlich haben wir ein Mindset-Thema. Gerade in DACH-Ländern ist die Skepsis gegenüber Neuem oft tief verankert. Aber spannend ist: Ausgerechnet die Landwirtschaft zeigt, wie es anders gehen kann. In Österreich setzen bereits zunehmend Landwirte Sensorik und KI ein, etwa um den Gesundheitszustand von Kühen vorherzusagen, und zwar auf Basis von Temperaturveränderungen im Magen. Das Gleiche gilt für Bilderkennung bei Pflanzen oder Tieren. Das sind keine Zukunftsvisionen, das passiert schon heute. Und das zeigt: Es geht, wenn man will.
Und trotzdem hören wir oft: „Wir müssen jetzt auch was mit KI machen“ – ohne wirklich zu wissen, was…
Lex-Huszár: Ja, dieser Aktionismus ohne Ziel ist gefährlich. KI ist kein Plug-and-Play-Wunder. Es braucht klare Ziele, genau definierte Anwendungsfälle und vor allem eine saubere Datenbasis. Ich kann keine Magie erwarten, wenn mein CRM halb leer ist. Und es braucht natürlich auch strategisches Denken: Was will ich eigentlich damit erreichen? Welche Prozesse will ich optimieren? Ohne diese Fragen bleibt KI ein leeres Schlagwort.
Was raten Sie Unternehmen, die mit KI starten wollen?
Lex-Huszár: Starten. Klein starten. Klären, wo KI helfen kann, die eigene Strategie zu unterstützen. Und dann mit einem kleinen Team aus verschiedenen Abteilungen erste Use Cases entwickeln. Wichtig: Zuerst die eigenen Hausaufgaben machen, Prozesse klären, Datenqualität verbessern, Datenschutz verstehen, eine klare KI-Richtlinie. Mitarbeitende müssen wissen, was erlaubt ist. Dann empfehle ich, eine eigene KI-Instanz aufzusetzen, also ein internes Large Language Model. Da geht heute recht einfach und ist datenschutzkonform. Und immer wieder kritisch hinterfragen, was die Systeme liefern.
Und wenn Sie einem Strategieteam nur einen einzigen Impuls mitgeben dürften?
Lex-Huszár: Den selben, nämlich: Starten. Nicht warten, sondern anfangen. Die Tools sind da. Das Wissen ist verfügbar. Wer jetzt ins Tun kommt, schafft sich einen strategischen Vorsprung. Wir stehen mit KI heute dort, wo wir mit dem Internet um die Jahrtausendwende waren. Wer damals gewartet hat, ist heute nicht mehr sichtbar.
(Das Interview führte Birgit Tisch für das OKR Institut)